Aus den letzten DaFiU - Publikationen

Alla Paslawska,
Wolodymyr Sulym
DaF im Kontext der Globalisierung: neue Chancen und Gefahren

Zwei wichtige Tendenzen haben im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weltweit beeinflusst. Zum einen war das die Globalisierung, die Volkswirtschaften verflochten hat, zum anderen die Revolution der Informationstechnologien, die auf einmal die ganze Welt zugänglich gemacht hat. Durch diese Entwicklungstendenzen wurde das Wissen einerseits zum Hauptkapital der Gesellschaft, andererseits hat es die Menschen in aller Welt vor eine Menge von Herausforderungen gestellt.
Dem Zuge der Zeit entsprechend gewinnt das Lehren und Lernen fremder Sprachen an praktischer und politischer Bedeutung. Daher ist der Fremdsprachenunterricht in den letzten Jahrzehnten überall in der Welt zunehmend wichtiger geworden. Gleichzeitig entwickelt sich das Englische immer stärker zur globalen Kommunikationssprache, während andere Fremdsprachen scheinbar an Bedeutung verlieren. Auch in der Ukraine ist das Englische mittlerweile die meistgelernte Fremdsprache, allerdings gilt das Deutsche auf Grund historischer Beziehungen, der geographischen Nähe zwischen den deutschsprachigen Ländern und der Ukraine sowie intensives wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Austausches als wichtige Fremdsprache. Dies jedoch kann sich schnell ändern, wenn nicht konsequent an der Qualitätssicherung und -verbesserung der fremdsprachlichen Deutschausbildung in der Ukraine gearbeitet wird. Daher soll sich der Ukrainische Deutschlehrer- und Germanistenverband in Kooperationen mit allen Institutionen in der Ukraine, an denen die deutsche Sprache unterrichtet und/oder propagiert wird, mit Fragen der Qualitätssicherung und -verbesserung des DaF-Unterrichts im Schul- und Hochschulbereich intensiver auseinandersetzen. Dem muss durch Verstärkung der Fremdsprachenforschung im Rahmen der Fremdsprachendidaktik und der Sprachlehrforschung, Curriculum- und Lehrmaterialentwicklung Rechnung getragen werden. Der Beitritt der Ukraine in den „Bologna-Prozess,“ mit dem der Grundstein für eine freiwillige Annäherung der Hochschulsysteme Europas gelegt worden ist, bietet uns eine wichtige europäische Perspektive, trägt zur Europäisierung und Internationalisierung sowie der Transparenz des nationalen Bildungsbereiches.
Die wesentlichen Ziele des Bologna-Prozesses sind: die Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse (Diploma Supplement), die Schaffung eines zweistufigen Studiensystems (Bachelor, Master), die Einführung eines Leistungspunktesystems nach dem ECTS-Modell (Credits), die Förderung größtmöglicher Mobilität von Studierenden sowie von Lehrenden, Wissenschafter/innen und Verwaltungspersonal, die Förderung der europäischen Zusammenarbeit in der Qualitätssicherung, die Förderung des Lebenslangen Lernens sowie der Attraktivität des europäischen Hochschulraumes.
Im Rahmen der Umsetzung der Ziele des Bologna-Prozesses sehen wir als unsere nächsten Aufgaben für das Jahr 2007 die folgenden:
1. Entwurf des neuen Curriculums (der neuen Curricula) für das Germanistikstudium, das den Bologna-Erwartungen entspricht und stärker als zuvor die späteren Berufsfelder der Germanistikstudierenden in den Studieninhalten abbildet. Dieses Curriculum soll ukrainischen Studierenden im Rahmen des europäischen Leistungspunktsystems ECTS Qualifikationen und Anwendungskompetenzen vermitteln, die a) methodisch-theoretisch; b) sprachpraktisch; c) literaturkritisch; d) interkulturell und e) berufspraktisch sind. Andererseits soll das Curriculum von überflüssigem Stoff (überflüssigen Fächern) entlastet werden.
2. Aufbau einer konsequent funktionierenden Kette der germanistischen Ausbildung: Schule – Universität – Weiterbildung. Um diese Kette zu sichern, muss vor allem das zurzeit funktionierende System der Schulabschlussprüfungen und der Aufnahmeprüfungen im Hochschulbereich in Einklang gebracht werden. Viel mehr kann für die Weiterbildung der Deutschlehrer gemacht werden (Seminare, Gastvorträge und Workshops).
3. Förderung von ukrainischen Lehrwerken und Lehrmaterialien für den DaF-Unterricht. Der UDGV soll Projekte initiieren, in dessen Rahmen a) mit der Arbeit an DaF-Lehrwerken für Schulen mit erweitertem Deutschunterricht angefangen werden soll; b) Arbeitsgruppen gebildet werden, die sich mit der Entwicklung von curricularen Modulen beschäftigen werden.
4. Kommerzialisierung der UDGV-Tätigkeit, die dem Verband die Möglichkeit bieten wird, die eigenen Projekte zu finanzieren, DaF-Materialien herauszugeben und an die Verbandsmitglieder zu verbreiten.

 



Zur Arbeit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in der Ukraine

Der Autor: Christian Ax arbeitet seit einem Jahr als Fachberater für DaF und Koordinator für das Lehrerentsendeprogramm der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in Kiew. Ax ist Germanist und Slawist und arbeitete vor seiner Tätigkeit in der Ukraine als Deutsch- und Russischlehrer u.a. in Hamburg und Hannover.

Drei deutsche staatliche Mittlerorganisationen bemühen sich im Namen der deutschen auswärtigen Kulturpolitik um die Pflege und Verbreitung der deutschen Sprache im Ausland. Neben den bekannteren, dem Goethe-Institut (GI) und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), ist es die ZfA, die vor mehr als 50 Jahren gegründet wurde und deren Hauptaufgabe originär vor allem darin besteht, die deutschen Schulen im Ausland zu unterstützen.
Im Laufe der Jahre traten neben diese Hauptaufgabe andere wie die Lehrerausbildung in Zusammenarbeit mit Pädinstituten und Universitäten sowie die Lehrerfortbildung in Zusammenarbeit mit den örtlichen Fortbildungsinstituten. Heute konzentriert sich die ZfA vornehmlich auf die personelle wie materielle Förderung von Spezialisierten Schulen mit vertieftem Deutschunterricht, die ihre Schüler mit Hilfe deutscher entsandter Lehrkräfte auf das Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz (DSD II der KMK) vorbereiten.
In diesem Jahr feiert die ZfA zusammen mit der MS 90 in Odessa und der MS 239 in Kiew das 10 jährige Jubiläum des Programms an ukrainischen Schulen. In diesen 10 Jahren konnten weit über 1000 Schüler in der Ukraine das anspruchsvolle Examen bestehen und schufen sich so die sprachlichen Voraussetzungen, um ein Studium in Deutschland aufzunehmen. Im laufenden Schuljahr 2006/07 werden insgesamt 17 Schulen in der Ukraine gefördert, an denen jeweils eine deutsche Lehrkraft tätig ist. Der Umfang der Förderung ist in den vergangenen Jahren gewachsen und wird dies in Zeiten knapper werdender Mittel vermutlich auch noch weiter tun.
Die ZfA beschränkt sich im Gegensatz zum GI auf eine begrenzte Anzahl hervorragender Schulen gemäß dem Motto „Klasse statt Masse“. Augenblicklich wird das Prüfungsformat umgestellt, um es auf die Anforderungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER) abzustimmen. Danach liegt das Niveau der Prüfung auf C 1, was dem zweithöchsten Niveau der Fremdsprachenbeherrschung nach dem GER entspricht. Das ist höher als das Niveau B 2, das das Bildungsministerium der Ukraine als Ziel der Abschlussprüfungen im Fach Deutsch für das Jahr 2012 vorsieht – und dies für Schülerinnen und Schüler, die dann volle 12 Schuljahre hinter sich haben werden. Die ukrainischen Partnerschulen der ZfA erreichen ein höheres Ziel heute schon nach effektiv 9,5 Jahren Schulzeit. Um diese hohe Niveau auch mit dem neuen Prüfungsformat zu erreichen, bilden die beiden in der Ukraine tätigen Fachberater die ukrainischen und deutschen Lehrkräfte der DSD-Schulen kontinuierlich fort.
Darüberhinaus finanziert und betreut die ZfA bereits zum dritten Mal ein Fortbildungsprogramm für junge und begabte ukrainische Lehrer und Lehrerinnen, um die Kollegen Schritt für Schritt selbst auf die Aufgaben in der Lehrerfortbildung vorzubereiten. Die Deutschlehrerinnen, die in den ersten beiden Runden dieses Programms (2001-03 und 2003-05) ausgebildet wurden, führen schon eigenständige Fortbildungsveranstaltungen durch, die sich an Lehrkräfte aus allen Schulen richten.
Wo es sich anbietet, arbeitet die ZfA zudem mit den anderen Mittlerorganisationen zusammen. So informieren die Lektoren des DAAD an den DSD-Schulen über Studien-möglichkeiten in Deutschland. Ein weiteres gemeinsames Programm mit dem GI wird im laufenden Schuljahr bereits zum zweiten Mal durchgeführt. Nachdem im vergangen Jahr 5 DSD-Schulen an „Jugend debattiert International“ teilgenommen hatten, ein Programm, das mit Mitteln der Hertie-Stiftung finanziert wird, sind es nun bereits 8 DSD-Schulen, die ihren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben können, ihre Sprach- und Debattierkentnisse auch über den Rahmen der Schule hinaus im Vergleich mit den gleichaltrigen Schülern anderer Schulen unter Beweis zu stellen.
Die ZfA freut sich schließlich auf die Zusammenarbeit mit den neuen DSD-Schulen in Iwano-Frankiwsk und Czernowitz, mit der MS 5 und dem Gymn. Nr. 1.


Adressen:

Ax, Christian
FBK Kiew Vul. Kruglouniversitetska 17/kv.9
UA- 01024 Kiew
Tel./Fax: 044-253 90 03
zfa.kiew@webber.kiev.ua
mob.:8-067-2526651

Dederding, Dr. Hans-Martin „Bavarskij Dom“
Ul. Uspenskaja 60 kw. 2
65045 Odessa / Ukraine
Tel. / Fax 048 – 715 0122
e-mail: zfa-odessa@te.net.ua


Der Deutschunterricht in der Ukraine im Lichte der Ergebnisse des DSD
Das DSD
Das „Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz Stufe 2“ – so sein vollständiger und umständlicher Name – ist eine Sprachprüfung des Niveaus C 1 im Europäischen Referenzrahmen. Es berechtigt zum Studium in Deutschland ohne weitere Sprachprüfung und wird weltweit an einigen Hundert Schulen abgenommen; in der Ukraine wird es seit etwa 10 Jahren abgenommen; 2004 nahmen 9 Schulen mit erweitertem Deutschunterricht teil, im Jahr 2005 15 Schulen.

Das DSD erlaubt deswegen relativ präzise Rückschlüsse auf die Qualität des Deutschunterrichts, weil es durch die Prüfer nicht beeinflussbar ist: Die schriftlichen Ausarbeitungen werden zur Auswertung nach Deutschland geschickt, bei der mündlichen Prüfung wird durch einen externen Prüfungsvorsitzenden sicher gestellt, dass die Leistungen der Schüler nach einheitlichen Gesichtspunkten bewertet werden.
Der Befund
Die Ergebnisse stellen sich wie folgt dar: Im Jahr 2004 nahmen in der Ukraine 188 Schüler an dem DSD teil, 180 (95, 7 %) haben bestanden, der Mittelwert der erreichten Punktzahl betrug 74 %. Damit liegt die Ukraine im Mittelfeld der Staaten der ehemaligen Sowjetunion, von denen die baltischen Staaten wesentlich besser und Länder wie Turkmenistan, Kirgisien und Georgien wesentlich schlechter abschneiden.

Verglichen aber mit anderen Ländern steht die Ukraine schlecht da: Rumänien hat bei viel mehr Teilnehmern (1050) eine ähnlich hohe Bestehensquote von 95, 1 % bei einem Punktedurchschnitt von 79, 5 %, für Ungarn und Polen (948 Teilnehmer, Bestehensquote 95, 6 %, Punktedurchschnitt 78, 6 %) liegen die Werte ähnlich. In den anderen westlichen und südwestlichen Nachbarstaaten der Ukraine (Slowakei, Tschechien usw.) nehmen zwar etwa nur so viele Schüler wie in der Ukraine an der Prüfung teil, deren Ergebnisse sind aber besser. Und diese Länder sind viel kleiner.

In Polen, in dem der Verfasser 8 Jahre lang an unterschiedlichen Bildungssystemen gearbeitet hat, nehmen ebenfalls Schulen mit erweitertem Deutschunterricht teil. Dort wird Deutsch aber erst ab der 5. Jahrgangsstufe erteilt. Die institutionellen Rahmenbedingungen sind also viel schlechter als in der Ukraine mit ihren Spezialschulen, die Ergebnisse trotzdem viel besser.

Es stellen sich folgende Fragen:
1. Wieso nehmen in der Ukraine vergleichsweise so wenige Schüler am DSD teil?
2. Wieso sind deren Ergebnisse trotz der strengen Auslese und guter Rahmenbedingungen, nämlich eines Deutschunterrichts ab der ersten Klasse, so mittelmäßig?
Die Analyse
Meines Erachtens sind zwei Gründe für die schwachen Teilnehmerzahlen maßgeblich:
1. Nur an Spezialschulen, an denen ein durch Deutschland vermittelter muttersprachlicher Lehrer arbeitet, finden in der Ukraine DSD-Prüfungen statt. Das ist in Polen ganz anders: Die Mehrzahl der DSD-Vorbereitungsgruppen wird von polnischen Deutschlehrern geführt. Ukrainische Lehrer dagegen sind weder dafür ausgebildet noch kaum in der Lage, sich selbständig das Handwerkszeug anzueignen, Schüler auf diese anspruchsvolle Prüfung vorzubereiten.
2. Es nimmt nur etwa ¼ eines jeden Jahrgangs an der Prüfung teil. Der Rest ist schlicht zu schwach, nach 10 Jahren intensiven Deutschunterrichts, erfolgreich am DSD teilzunehmen. Ganz anders als in Polen: Obwohl dort viel kürzer Deutschunterricht erteilt wird, nehmen geschlossene Klassen erfolgreich am DSD teil.

Trotz dieser strengen Auslese erzielen die ukrainischen Teilnehmer –von Ausnahmen abgesehen – eher mäßige Ergebnisse. Das zeigt, dass das Potenzial der in Frage kommenden Teilnehmer ausgeschöpft ist: Wenn man mehr Kandidaten anmeldete, würde lediglich die Durchfallquote steigen. Daraus folgt aber alarmierende Frage: Wieso produziert der ukrainische Deutschunterricht nach 10 Jahren so wenige Schüler, die anspruchsvollen Aufgaben gewachsen sind?

Die Gründe dafür liegen m. E. auf folgenden Gebieten: der vollkommenen Abwesenheit von Schullaufbahngesprächen, dem Lehrplan, der Ausbildung der Deutschlehrer, der traditionellen ukrainischen Unterrichtsorganisation, der ukrainischen Notengebung.
Beobachtungen
Zur Abwesenheit von Schullaufbahngesprächen
Bei meinen Unterrichtsbesuchen fallen mir in allen Lerngruppen immer wieder Schüler auf, die trotz langjährigem Deutschunterricht fast kein Deutsch können: „Wo ist deine Deutschlehrerin?“, fragte ich einen Schüler der 10. Klasse. Nach längerem Nachdenken hellte sich seine Miene auf: „Fumfzehn!“, war die Antwort. Das ist beileibe kein Einzelfall. Ich schätze, dass 10-15% der Schüler an Schulen mit erweitertem Deutschunterricht bis in die Abschlussklassen schlicht kein Deutsch können. (Das wäre, bildlich gesprochen, so, als gingen auf eine der berühmten ukrainischen Spezialschulen für Musik Schüler, die keine Noten lesen, kein Instrument spielen, nicht singen oder tanzen können – und auch gar keine Lust dazu haben.) Was für eine Vergeudung von Lebenszeit – gerade in dem Lebensabschnitt, in dem junge Menschen das meiste lernen können! Warum redet niemand mit den Eltern dieser Kinder und teilt ihnen mit, dass ihr Kind offenbar auf der falschen Schule ist und auf einer Berufsschule o. ä. besser aufgehoben wäre? Dass die Anwesenheit von völlig überforderten Schülern den Fortgang des Deutschunterrichts für den Rest der Gruppe nicht gerade fördert, liegt auf der Hand.
Zum Lehrplan
Der Lehrplan für den Deutschunterricht an Spezialschulen mit erweitertem Deutschunterricht ist ein reiner Stoffverteilungsplan ohne jeden Hinweis darauf, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten die Schüler nach Abschluss der einzelnen Unterrichtseinheiten erworben haben sollen. Er verführt dazu, den Stoff ohne Rücksicht auf die Schüler durchzunehmen, notfalls mit Hilfe von Lehrervorträgen und Auswendiglernen von längeren, im Unterricht nicht bewältigten Passagen. Lernen die Schüler dadurch, Deutsch besser zu verstehen, zu sprechen oder zu schreiben?

Der ukrainische Deutschlehrer
Die Ergebnisse des DSD zeigen, dass der Deutschunterricht an den Spezialschulen in der Ukraine eine relativ schmale Spitze von Schülern erzeugt, die im Europäischen Maßstab mithalten können. Dann gibt es Schüler in einem ebenfalls relativ schmalen unteren Bereich, deren Fähigkeiten jeder Beschreibung spotten. Was ist mit dem Rest, den mittleren Schülern, die ich in den Auswahlprüfungen zum DSD übrigens häufig als interessiert und bemüht erlebe? Mein Eindruck nach einigen Jahren Arbeit als Fachschaftsberater in Galizien und der Bukowina ist: Der ukrainische Deutschlehrer hat in seiner Ausbildung nicht das methodische Rüstzeug mitbekommen, um aus mittleren Schülern gute zu machen. Anders herum gesagt: Der ukrainische Deutschunterricht hat zur Folge, dass die guten Schüler immer besser werden, die mittleren immer weiter zurückfallen und die schlechten immer schlechter werden. Diesem Phänomen kann nur durch eine verbesserte methodische Ausbildung der angehenden Deutschlehrer begegnet werden. Und was ist mit den alten, seit 30, 40, 50 Jahren sich an den Schulen befindenden? Hier kann nur das polnische Rezept empfohlen werden, was ich auch als maßgeblich für den Erfolg dieses Landes bei den DSD-Prüfungen ansehe: Alle polnischen Fremdsprachenlehrer wurden in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts verpflichtet, innerhalb einer gesetzten Frist eine gewisse Anzahl von methodischen Fortbildungen zu machen, Qualifizierungen auf diesem Gebiet nachzuweisen usw. Diejenigen, die das nicht wollten, wurden aus dem Schuldienst entfernt. Das polnische Ministerium für nationale Bildung schuf die Voraussetzungen dafür: Es wurden in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen und anderen Mittlerorganisationen genügend Fortbildungskurse zur Verfügung gestellt. Die wurden eifrig besucht, mussten aber anteilig bezahlt werden…
Zur traditionellen ukrainischen Unterrichtsorganisation
So wichtig Disziplin für den Lernerfolg ist: Ein Deutschunterricht, in dem die Schüler in Reih und Glied hintereinander sitzen und antworten, wenn der Lehrer sie fragt, erfüllt nicht die Kriterien eines modernen, kommunikativ orientierten Deutschunterrichts. Bei dieser Anlage des Unterrichts besteht die Gefahr, dass immer nur ein Schüler etwas lernt, nämlich der, der gerade mit dem Deutschlehrer redet. Die andern passen nicht auf, getreu dem Motto: Der Lehrer ist zufrieden, er bekommt ja gerade eine Antwort. Klar, dass dabei nur die Besten etwas lernen, die anderen melden sich sicherheitshalber erst gar nicht. Für einen Unterricht, in dem auch die Schüler miteinander Deutsch sprechen, sich Fragen stellen, gute Schüler die schwächeren korrigieren, der Wirkungsgrad des einen Lehrers bei den vielen Schülern also viel höher ist, als wenn nur ein Lehrer mit einem Schüler redet, benötigt man eine kommunikative Sitzordnung (Kreis, Karree) und eine kommunikative Anlage des Unterrichts.
Zur ukrainischen Notengebung
Drei Beobachtungen, die (fast) für sich selbst sprechen mögen:
1. In einer recht guten Deutschgruppe, 8. Klasse: Der Lehrer hat ein gutes Verhältnis zu seinen Schülern, der Unterricht ist modern, fast alle Schüler beteiligen sich, haben Spaß – bis auf Iwan, neben den der Verfasser zufällig zu sitzen kommt. Iwan kann gar nichts, er versteht nichts und hat ersichtlich auch keinen Spaß am Deutschunterricht. Am Ende der Stunde werden die Zensuren gegeben; die Masse der Gruppe bekommt ganz zu Recht zwischen 10 und 11 Punkten, Iwan wird wie folgt bewertet: „Iwan schlecht, ganz schlecht heute: 8 Punkte.“ Dieser Schüler, der vielleicht 8 Worte Deutsch spricht, bekommt also 8 Punkte.
2. Abschlussprüfung der 9. Klasse. Es erscheint Andrij. Er zieht seine Prüfungskarte, nach der Vorbereitungszeit sagt er auf Ukrainisch, dass er nichts verstanden hat und nichts sagen, vorlesen oder übersetzen will. Es wird im Klassenbuch nachgeschaut, welche Zensur dieser Schüler hat: 7 Punkte. Der Deutschlehrer, gefragt, wie ein so schlechter Schüler 7 Punkte in Deutsch haben könne, antwortet: „Er ist ein guter Mensch.“
3. Abschlussprüfung 11. Klasse: Nach einer ziemlich mäßigen Prüfung – die Schülerin hatte einen auswendig gelernten Text vorgetragen, konnte aber keine noch so leichte Frage zu dem Text beantworten – steht die Zensurenfindung an. Welche Note soll man ihr jetzt für diese Prüfungsleistung geben? Angemessen wäre sicher eine niedrige Note. Als man sich nach längerem Hin und Her – im Journal hatte diese Schülerin 9 Punkte – auf 7 einigt, sagt die Protokollführerin, in Personalunion Deutschlehrerein dieser Schülerin: „Jetzt habe ich schon 9 geschrieben.“ Diese Manipulation wird so akzeptiert.

Das alles wäre komisch und nicht so schlimm, wenn es nicht eine klare Bestandsaufnahme des Deutschunterrichts verhindern würde: Im Klassenbuch stehen irgendwelche Noten, die fast keinen Rückschluss auf die wahren Fähigkeiten der Schüler zulassen. Eltern, Direktor, Schulaufsichtsbehörden freuen sich: „Schau, schau, so gut sind unsere Schüler – der Notendurchschnitt ist in diesem Jahr wieder um 3 % gestiegen! Sehr gut, unser Ministerium; sehr gut, unsere Spezialschulen; sehr gut, unser Deutschunterricht; sehr gut, unsere Deutschlehrer!“ Dass das alles Potemkinsche Dörfer sind und die Produktion guter Noten ohne die entsprechenden Leistungen der sozialistischen Tonnenideologie entspricht, ist irgendwie allen klar, aber geredet wird darüber nur hinter vorgehaltener Hand, ganz wie in alten Zeiten. Gefordert wäre vielmehr eine Produktion guten Unterrichts.

Gesucht werden also Deutschlehrer, die kommunikativen Unterricht machen wollen, die guten institutionellen Rahmenbedingungen der Spezialschulen (Unterricht ab der 1. Klasse) nutzen und sich nicht scheuen, schlechte Leistungen schlecht zu nennen. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es solche Lehrer in der Ukraine gibt. Dann sollte es auch möglich sein, mehr als die derzeitigen 25 % eines Jahrgangs zu einem guten Niveau zu führen – und den Anteil der DSD-Absolventen entsprechend zu erhöhen.

Karl-Martin Everding
Der Verfasser arbeitet seit drei Jahren als Fachschaftsberater für Galizien und die Bukowina, vermittelt von der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen über das Außenministerium der Bundesreplik Deutschland