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Aus den letzten DaFiU - Publikationen
Alla Paslawska,
Wolodymyr Sulym
DaF im Kontext der Globalisierung: neue Chancen und Gefahren
Zwei wichtige Tendenzen haben im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts
das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben weltweit beeinflusst.
Zum einen war das die Globalisierung, die Volkswirtschaften verflochten
hat, zum anderen die Revolution der Informationstechnologien, die auf
einmal die ganze Welt zugänglich gemacht hat. Durch diese
Entwicklungstendenzen wurde das Wissen einerseits zum Hauptkapital der
Gesellschaft, andererseits hat es die Menschen in aller Welt vor eine
Menge von Herausforderungen gestellt.
Dem Zuge der Zeit entsprechend gewinnt das Lehren und Lernen fremder
Sprachen an praktischer und politischer Bedeutung. Daher ist der
Fremdsprachenunterricht in den letzten Jahrzehnten überall in der Welt
zunehmend wichtiger geworden. Gleichzeitig entwickelt sich das Englische
immer stärker zur globalen Kommunikationssprache, während andere
Fremdsprachen scheinbar an Bedeutung verlieren. Auch in der Ukraine ist
das Englische mittlerweile die meistgelernte Fremdsprache, allerdings
gilt das Deutsche auf Grund historischer Beziehungen, der geographischen
Nähe zwischen den deutschsprachigen Ländern und der Ukraine sowie
intensives wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Austausches als
wichtige Fremdsprache. Dies jedoch kann sich schnell ändern, wenn nicht
konsequent an der Qualitätssicherung und -verbesserung der
fremdsprachlichen Deutschausbildung in der Ukraine gearbeitet wird.
Daher soll sich der Ukrainische Deutschlehrer- und Germanistenverband in
Kooperationen mit allen Institutionen in der Ukraine, an denen die
deutsche Sprache unterrichtet und/oder propagiert wird, mit Fragen der
Qualitätssicherung und -verbesserung des DaF-Unterrichts im Schul- und
Hochschulbereich intensiver auseinandersetzen. Dem muss durch
Verstärkung der Fremdsprachenforschung im Rahmen der
Fremdsprachendidaktik und der Sprachlehrforschung, Curriculum- und
Lehrmaterialentwicklung Rechnung getragen werden. Der Beitritt der
Ukraine in den „Bologna-Prozess,“ mit dem der Grundstein für eine
freiwillige Annäherung der Hochschulsysteme Europas gelegt worden ist,
bietet uns eine wichtige europäische Perspektive, trägt zur
Europäisierung und Internationalisierung sowie der Transparenz des
nationalen Bildungsbereiches.
Die wesentlichen Ziele des Bologna-Prozesses sind: die Einführung eines
Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse (Diploma
Supplement), die Schaffung eines zweistufigen Studiensystems (Bachelor,
Master), die Einführung eines Leistungspunktesystems nach dem
ECTS-Modell (Credits), die Förderung größtmöglicher Mobilität von
Studierenden sowie von Lehrenden, Wissenschafter/innen und
Verwaltungspersonal, die Förderung der europäischen Zusammenarbeit in
der Qualitätssicherung, die Förderung des Lebenslangen Lernens sowie der
Attraktivität des europäischen Hochschulraumes.
Im Rahmen der Umsetzung der Ziele des Bologna-Prozesses sehen wir als
unsere nächsten Aufgaben für das Jahr 2007 die folgenden:
1. Entwurf des neuen Curriculums (der neuen Curricula) für das
Germanistikstudium, das den Bologna-Erwartungen entspricht und stärker
als zuvor die späteren Berufsfelder der Germanistikstudierenden in den
Studieninhalten abbildet. Dieses Curriculum soll ukrainischen
Studierenden im Rahmen des europäischen Leistungspunktsystems ECTS
Qualifikationen und Anwendungskompetenzen vermitteln, die a)
methodisch-theoretisch; b) sprachpraktisch; c) literaturkritisch; d)
interkulturell und e) berufspraktisch sind. Andererseits soll das
Curriculum von überflüssigem Stoff (überflüssigen Fächern) entlastet
werden.
2. Aufbau einer konsequent funktionierenden Kette der germanistischen
Ausbildung: Schule – Universität – Weiterbildung. Um diese Kette zu
sichern, muss vor allem das zurzeit funktionierende System der
Schulabschlussprüfungen und der Aufnahmeprüfungen im Hochschulbereich in
Einklang gebracht werden. Viel mehr kann für die Weiterbildung der
Deutschlehrer gemacht werden (Seminare, Gastvorträge und Workshops).
3. Förderung von ukrainischen Lehrwerken und Lehrmaterialien für den
DaF-Unterricht. Der UDGV soll Projekte initiieren, in dessen Rahmen a)
mit der Arbeit an DaF-Lehrwerken für Schulen mit erweitertem
Deutschunterricht angefangen werden soll; b) Arbeitsgruppen gebildet
werden, die sich mit der Entwicklung von curricularen Modulen
beschäftigen werden.
4. Kommerzialisierung der UDGV-Tätigkeit, die dem Verband die
Möglichkeit bieten wird, die eigenen Projekte zu finanzieren,
DaF-Materialien herauszugeben und an die Verbandsmitglieder zu
verbreiten.
Zur Arbeit der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) in der
Ukraine
Der Autor: Christian Ax arbeitet seit einem Jahr als Fachberater für DaF
und Koordinator für das Lehrerentsendeprogramm der Zentralstelle für das
Auslandsschulwesen (ZfA) in Kiew. Ax ist Germanist und Slawist und
arbeitete vor seiner Tätigkeit in der Ukraine als Deutsch- und
Russischlehrer u.a. in Hamburg und Hannover.
Drei deutsche staatliche Mittlerorganisationen bemühen sich im Namen der
deutschen auswärtigen Kulturpolitik um die Pflege und Verbreitung der
deutschen Sprache im Ausland. Neben den bekannteren, dem Goethe-Institut
(GI) und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD), ist es die
ZfA, die vor mehr als 50 Jahren gegründet wurde und deren Hauptaufgabe
originär vor allem darin besteht, die deutschen Schulen im Ausland zu
unterstützen.
Im Laufe der Jahre traten neben diese Hauptaufgabe andere wie die
Lehrerausbildung in Zusammenarbeit mit Pädinstituten und Universitäten
sowie die Lehrerfortbildung in Zusammenarbeit mit den örtlichen
Fortbildungsinstituten. Heute konzentriert sich die ZfA vornehmlich auf
die personelle wie materielle Förderung von Spezialisierten Schulen mit
vertieftem Deutschunterricht, die ihre Schüler mit Hilfe deutscher
entsandter Lehrkräfte auf das Deutsche Sprachdiplom der
Kultusministerkonferenz (DSD II der KMK) vorbereiten.
In diesem Jahr feiert die ZfA zusammen mit der MS 90 in Odessa und der
MS 239 in Kiew das 10 jährige Jubiläum des Programms an ukrainischen
Schulen. In diesen 10 Jahren konnten weit über 1000 Schüler in der
Ukraine das anspruchsvolle Examen bestehen und schufen sich so die
sprachlichen Voraussetzungen, um ein Studium in Deutschland aufzunehmen.
Im laufenden Schuljahr 2006/07 werden insgesamt 17 Schulen in der
Ukraine gefördert, an denen jeweils eine deutsche Lehrkraft tätig ist.
Der Umfang der Förderung ist in den vergangenen Jahren gewachsen und
wird dies in Zeiten knapper werdender Mittel vermutlich auch noch weiter
tun.
Die ZfA beschränkt sich im Gegensatz zum GI auf eine begrenzte Anzahl
hervorragender Schulen gemäß dem Motto „Klasse statt Masse“.
Augenblicklich wird das Prüfungsformat umgestellt, um es auf die
Anforderungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (GER)
abzustimmen. Danach liegt das Niveau der Prüfung auf C 1, was dem
zweithöchsten Niveau der Fremdsprachenbeherrschung nach dem GER
entspricht. Das ist höher als das Niveau B 2, das das
Bildungsministerium der Ukraine als Ziel der Abschlussprüfungen im Fach
Deutsch für das Jahr 2012 vorsieht – und dies für Schülerinnen und
Schüler, die dann volle 12 Schuljahre hinter sich haben werden. Die
ukrainischen Partnerschulen der ZfA erreichen ein höheres Ziel heute
schon nach effektiv 9,5 Jahren Schulzeit. Um diese hohe Niveau auch mit
dem neuen Prüfungsformat zu erreichen, bilden die beiden in der Ukraine
tätigen Fachberater die ukrainischen und deutschen Lehrkräfte der
DSD-Schulen kontinuierlich fort.
Darüberhinaus finanziert und betreut die ZfA bereits zum dritten Mal ein
Fortbildungsprogramm für junge und begabte ukrainische Lehrer und
Lehrerinnen, um die Kollegen Schritt für Schritt selbst auf die Aufgaben
in der Lehrerfortbildung vorzubereiten. Die Deutschlehrerinnen, die in
den ersten beiden Runden dieses Programms (2001-03 und 2003-05)
ausgebildet wurden, führen schon eigenständige
Fortbildungsveranstaltungen durch, die sich an Lehrkräfte aus allen
Schulen richten.
Wo es sich anbietet, arbeitet die ZfA zudem mit den anderen
Mittlerorganisationen zusammen. So informieren die Lektoren des DAAD an
den DSD-Schulen über Studien-möglichkeiten in Deutschland. Ein weiteres
gemeinsames Programm mit dem GI wird im laufenden Schuljahr bereits zum
zweiten Mal durchgeführt. Nachdem im vergangen Jahr 5 DSD-Schulen an „Jugend
debattiert International“ teilgenommen hatten, ein Programm, das mit
Mitteln der Hertie-Stiftung finanziert wird, sind es nun bereits 8
DSD-Schulen, die ihren Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit geben
können, ihre Sprach- und Debattierkentnisse auch über den Rahmen der
Schule hinaus im Vergleich mit den gleichaltrigen Schülern anderer
Schulen unter Beweis zu stellen.
Die ZfA freut sich schließlich auf die Zusammenarbeit mit den neuen
DSD-Schulen in Iwano-Frankiwsk und Czernowitz, mit der MS 5 und dem Gymn.
Nr. 1.
Adressen:
Ax, Christian
FBK Kiew Vul. Kruglouniversitetska 17/kv.9
UA- 01024 Kiew
Tel./Fax: 044-253 90 03
zfa.kiew@webber.kiev.ua
mob.:8-067-2526651
Dederding, Dr. Hans-Martin „Bavarskij Dom“
Ul. Uspenskaja 60 kw. 2
65045 Odessa / Ukraine
Tel. / Fax 048 – 715 0122
e-mail: zfa-odessa@te.net.ua
Der Deutschunterricht in der Ukraine im Lichte der Ergebnisse des DSD
Das DSD
Das „Deutsche Sprachdiplom der Kultusministerkonferenz Stufe 2“ – so
sein vollständiger und umständlicher Name – ist eine Sprachprüfung des
Niveaus C 1 im Europäischen Referenzrahmen. Es berechtigt zum Studium in
Deutschland ohne weitere Sprachprüfung und wird weltweit an einigen
Hundert Schulen abgenommen; in der Ukraine wird es seit etwa 10 Jahren
abgenommen; 2004 nahmen 9 Schulen mit erweitertem Deutschunterricht teil,
im Jahr 2005 15 Schulen.
Das DSD erlaubt deswegen relativ präzise Rückschlüsse auf die Qualität
des Deutschunterrichts, weil es durch die Prüfer nicht beeinflussbar ist:
Die schriftlichen Ausarbeitungen werden zur Auswertung nach Deutschland
geschickt, bei der mündlichen Prüfung wird durch einen externen
Prüfungsvorsitzenden sicher gestellt, dass die Leistungen der Schüler
nach einheitlichen Gesichtspunkten bewertet werden.
Der Befund
Die Ergebnisse stellen sich wie folgt dar: Im Jahr 2004 nahmen in der
Ukraine 188 Schüler an dem DSD teil, 180 (95, 7 %) haben bestanden, der
Mittelwert der erreichten Punktzahl betrug 74 %. Damit liegt die Ukraine
im Mittelfeld der Staaten der ehemaligen Sowjetunion, von denen die
baltischen Staaten wesentlich besser und Länder wie Turkmenistan,
Kirgisien und Georgien wesentlich schlechter abschneiden.
Verglichen aber mit anderen Ländern steht die Ukraine schlecht da:
Rumänien hat bei viel mehr Teilnehmern (1050) eine ähnlich hohe
Bestehensquote von 95, 1 % bei einem Punktedurchschnitt von 79, 5 %, für
Ungarn und Polen (948 Teilnehmer, Bestehensquote 95, 6 %,
Punktedurchschnitt 78, 6 %) liegen die Werte ähnlich. In den anderen
westlichen und südwestlichen Nachbarstaaten der Ukraine (Slowakei,
Tschechien usw.) nehmen zwar etwa nur so viele Schüler wie in der
Ukraine an der Prüfung teil, deren Ergebnisse sind aber besser. Und
diese Länder sind viel kleiner.
In Polen, in dem der Verfasser 8 Jahre lang an unterschiedlichen
Bildungssystemen gearbeitet hat, nehmen ebenfalls Schulen mit
erweitertem Deutschunterricht teil. Dort wird Deutsch aber erst ab der
5. Jahrgangsstufe erteilt. Die institutionellen Rahmenbedingungen sind
also viel schlechter als in der Ukraine mit ihren Spezialschulen, die
Ergebnisse trotzdem viel besser.
Es stellen sich folgende Fragen:
1. Wieso nehmen in der Ukraine vergleichsweise so wenige Schüler am DSD
teil?
2. Wieso sind deren Ergebnisse trotz der strengen Auslese und guter
Rahmenbedingungen, nämlich eines Deutschunterrichts ab der ersten Klasse,
so mittelmäßig?
Die Analyse
Meines Erachtens sind zwei Gründe für die schwachen Teilnehmerzahlen
maßgeblich:
1. Nur an Spezialschulen, an denen ein durch Deutschland vermittelter
muttersprachlicher Lehrer arbeitet, finden in der Ukraine DSD-Prüfungen
statt. Das ist in Polen ganz anders: Die Mehrzahl der
DSD-Vorbereitungsgruppen wird von polnischen Deutschlehrern geführt.
Ukrainische Lehrer dagegen sind weder dafür ausgebildet noch kaum in der
Lage, sich selbständig das Handwerkszeug anzueignen, Schüler auf diese
anspruchsvolle Prüfung vorzubereiten.
2. Es nimmt nur etwa ¼ eines jeden Jahrgangs an der Prüfung teil. Der
Rest ist schlicht zu schwach, nach 10 Jahren intensiven
Deutschunterrichts, erfolgreich am DSD teilzunehmen. Ganz anders als in
Polen: Obwohl dort viel kürzer Deutschunterricht erteilt wird, nehmen
geschlossene Klassen erfolgreich am DSD teil.
Trotz dieser strengen Auslese erzielen die ukrainischen Teilnehmer –von
Ausnahmen abgesehen – eher mäßige Ergebnisse. Das zeigt, dass das
Potenzial der in Frage kommenden Teilnehmer ausgeschöpft ist: Wenn man
mehr Kandidaten anmeldete, würde lediglich die Durchfallquote steigen.
Daraus folgt aber alarmierende Frage: Wieso produziert der ukrainische
Deutschunterricht nach 10 Jahren so wenige Schüler, die anspruchsvollen
Aufgaben gewachsen sind?
Die Gründe dafür liegen m. E. auf folgenden Gebieten: der vollkommenen
Abwesenheit von Schullaufbahngesprächen, dem Lehrplan, der Ausbildung
der Deutschlehrer, der traditionellen ukrainischen
Unterrichtsorganisation, der ukrainischen Notengebung.
Beobachtungen
Zur Abwesenheit von Schullaufbahngesprächen
Bei meinen Unterrichtsbesuchen fallen mir in allen Lerngruppen immer
wieder Schüler auf, die trotz langjährigem Deutschunterricht fast kein
Deutsch können: „Wo ist deine Deutschlehrerin?“, fragte ich einen
Schüler der 10. Klasse. Nach längerem Nachdenken hellte sich seine Miene
auf: „Fumfzehn!“, war die Antwort. Das ist beileibe kein Einzelfall. Ich
schätze, dass 10-15% der Schüler an Schulen mit erweitertem
Deutschunterricht bis in die Abschlussklassen schlicht kein Deutsch
können. (Das wäre, bildlich gesprochen, so, als gingen auf eine der
berühmten ukrainischen Spezialschulen für Musik Schüler, die keine Noten
lesen, kein Instrument spielen, nicht singen oder tanzen können – und
auch gar keine Lust dazu haben.) Was für eine Vergeudung von Lebenszeit
– gerade in dem Lebensabschnitt, in dem junge Menschen das meiste lernen
können! Warum redet niemand mit den Eltern dieser Kinder und teilt ihnen
mit, dass ihr Kind offenbar auf der falschen Schule ist und auf einer
Berufsschule o. ä. besser aufgehoben wäre? Dass die Anwesenheit von
völlig überforderten Schülern den Fortgang des Deutschunterrichts für
den Rest der Gruppe nicht gerade fördert, liegt auf der Hand.
Zum Lehrplan
Der Lehrplan für den Deutschunterricht an Spezialschulen mit erweitertem
Deutschunterricht ist ein reiner Stoffverteilungsplan ohne jeden Hinweis
darauf, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten die Schüler nach Abschluss
der einzelnen Unterrichtseinheiten erworben haben sollen. Er verführt
dazu, den Stoff ohne Rücksicht auf die Schüler durchzunehmen, notfalls
mit Hilfe von Lehrervorträgen und Auswendiglernen von längeren, im
Unterricht nicht bewältigten Passagen. Lernen die Schüler dadurch,
Deutsch besser zu verstehen, zu sprechen oder zu schreiben?
Der ukrainische Deutschlehrer
Die Ergebnisse des DSD zeigen, dass der Deutschunterricht an den
Spezialschulen in der Ukraine eine relativ schmale Spitze von Schülern
erzeugt, die im Europäischen Maßstab mithalten können. Dann gibt es
Schüler in einem ebenfalls relativ schmalen unteren Bereich, deren
Fähigkeiten jeder Beschreibung spotten. Was ist mit dem Rest, den
mittleren Schülern, die ich in den Auswahlprüfungen zum DSD übrigens
häufig als interessiert und bemüht erlebe? Mein Eindruck nach einigen
Jahren Arbeit als Fachschaftsberater in Galizien und der Bukowina ist:
Der ukrainische Deutschlehrer hat in seiner Ausbildung nicht das
methodische Rüstzeug mitbekommen, um aus mittleren Schülern gute zu
machen. Anders herum gesagt: Der ukrainische Deutschunterricht hat zur
Folge, dass die guten Schüler immer besser werden, die mittleren immer
weiter zurückfallen und die schlechten immer schlechter werden. Diesem
Phänomen kann nur durch eine verbesserte methodische Ausbildung der
angehenden Deutschlehrer begegnet werden. Und was ist mit den alten,
seit 30, 40, 50 Jahren sich an den Schulen befindenden? Hier kann nur
das polnische Rezept empfohlen werden, was ich auch als maßgeblich für
den Erfolg dieses Landes bei den DSD-Prüfungen ansehe: Alle polnischen
Fremdsprachenlehrer wurden in den 90-er Jahren des letzten Jahrhunderts
verpflichtet, innerhalb einer gesetzten Frist eine gewisse Anzahl von
methodischen Fortbildungen zu machen, Qualifizierungen auf diesem Gebiet
nachzuweisen usw. Diejenigen, die das nicht wollten, wurden aus dem
Schuldienst entfernt. Das polnische Ministerium für nationale Bildung
schuf die Voraussetzungen dafür: Es wurden in Zusammenarbeit mit dem
Goethe-Institut, der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen und
anderen Mittlerorganisationen genügend Fortbildungskurse zur Verfügung
gestellt. Die wurden eifrig besucht, mussten aber anteilig bezahlt
werden…
Zur traditionellen ukrainischen Unterrichtsorganisation
So wichtig Disziplin für den Lernerfolg ist: Ein Deutschunterricht, in
dem die Schüler in Reih und Glied hintereinander sitzen und antworten,
wenn der Lehrer sie fragt, erfüllt nicht die Kriterien eines modernen,
kommunikativ orientierten Deutschunterrichts. Bei dieser Anlage des
Unterrichts besteht die Gefahr, dass immer nur ein Schüler etwas lernt,
nämlich der, der gerade mit dem Deutschlehrer redet. Die andern passen
nicht auf, getreu dem Motto: Der Lehrer ist zufrieden, er bekommt ja
gerade eine Antwort. Klar, dass dabei nur die Besten etwas lernen, die
anderen melden sich sicherheitshalber erst gar nicht. Für einen
Unterricht, in dem auch die Schüler miteinander Deutsch sprechen, sich
Fragen stellen, gute Schüler die schwächeren korrigieren, der
Wirkungsgrad des einen Lehrers bei den vielen Schülern also viel höher
ist, als wenn nur ein Lehrer mit einem Schüler redet, benötigt man eine
kommunikative Sitzordnung (Kreis, Karree) und eine kommunikative Anlage
des Unterrichts.
Zur ukrainischen Notengebung
Drei Beobachtungen, die (fast) für sich selbst sprechen mögen:
1. In einer recht guten Deutschgruppe, 8. Klasse: Der Lehrer hat ein
gutes Verhältnis zu seinen Schülern, der Unterricht ist modern, fast
alle Schüler beteiligen sich, haben Spaß – bis auf Iwan, neben den der
Verfasser zufällig zu sitzen kommt. Iwan kann gar nichts, er versteht
nichts und hat ersichtlich auch keinen Spaß am Deutschunterricht. Am
Ende der Stunde werden die Zensuren gegeben; die Masse der Gruppe
bekommt ganz zu Recht zwischen 10 und 11 Punkten, Iwan wird wie folgt
bewertet: „Iwan schlecht, ganz schlecht heute: 8 Punkte.“ Dieser
Schüler, der vielleicht 8 Worte Deutsch spricht, bekommt also 8 Punkte.
2. Abschlussprüfung der 9. Klasse. Es erscheint Andrij. Er zieht seine
Prüfungskarte, nach der Vorbereitungszeit sagt er auf Ukrainisch, dass
er nichts verstanden hat und nichts sagen, vorlesen oder übersetzen
will. Es wird im Klassenbuch nachgeschaut, welche Zensur dieser Schüler
hat: 7 Punkte. Der Deutschlehrer, gefragt, wie ein so schlechter Schüler
7 Punkte in Deutsch haben könne, antwortet: „Er ist ein guter Mensch.“
3. Abschlussprüfung 11. Klasse: Nach einer ziemlich mäßigen Prüfung –
die Schülerin hatte einen auswendig gelernten Text vorgetragen, konnte
aber keine noch so leichte Frage zu dem Text beantworten – steht die
Zensurenfindung an. Welche Note soll man ihr jetzt für diese
Prüfungsleistung geben? Angemessen wäre sicher eine niedrige Note. Als
man sich nach längerem Hin und Her – im Journal hatte diese Schülerin 9
Punkte – auf 7 einigt, sagt die Protokollführerin, in Personalunion
Deutschlehrerein dieser Schülerin: „Jetzt habe ich schon 9 geschrieben.“
Diese Manipulation wird so akzeptiert.
Das alles wäre komisch und nicht so schlimm, wenn es nicht eine klare
Bestandsaufnahme des Deutschunterrichts verhindern würde: Im Klassenbuch
stehen irgendwelche Noten, die fast keinen Rückschluss auf die wahren
Fähigkeiten der Schüler zulassen. Eltern, Direktor,
Schulaufsichtsbehörden freuen sich: „Schau, schau, so gut sind unsere
Schüler – der Notendurchschnitt ist in diesem Jahr wieder um 3 %
gestiegen! Sehr gut, unser Ministerium; sehr gut, unsere Spezialschulen;
sehr gut, unser Deutschunterricht; sehr gut, unsere Deutschlehrer!“ Dass
das alles Potemkinsche Dörfer sind und die Produktion guter Noten ohne
die entsprechenden Leistungen der sozialistischen Tonnenideologie
entspricht, ist irgendwie allen klar, aber geredet wird darüber nur
hinter vorgehaltener Hand, ganz wie in alten Zeiten. Gefordert wäre
vielmehr eine Produktion guten Unterrichts.
Gesucht werden also Deutschlehrer, die kommunikativen Unterricht machen
wollen, die guten institutionellen Rahmenbedingungen der Spezialschulen
(Unterricht ab der 1. Klasse) nutzen und sich nicht scheuen, schlechte
Leistungen schlecht zu nennen. Ich habe die Hoffnung noch nicht
aufgegeben, dass es solche Lehrer in der Ukraine gibt. Dann sollte es
auch möglich sein, mehr als die derzeitigen 25 % eines Jahrgangs zu
einem guten Niveau zu führen – und den Anteil der DSD-Absolventen
entsprechend zu erhöhen.
Karl-Martin Everding
Der Verfasser arbeitet seit drei Jahren als Fachschaftsberater für
Galizien und die Bukowina, vermittelt von der Zentralstelle für das
Auslandsschulwesen über das Außenministerium der Bundesreplik
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