Grazer Erklärung „Begegnungssprache Deutsch"
IDT Graz 2005, Österreich, am 6. August 2005
Begegnungssprache Deutsch: Motivation, Herausforderung, Perspektiven - unter diesem Thema veranstaltete der Internationale Deutschlehrerverband (IDV) vom 1. bis 6. August 2005 in Graz/Österreich die 13. Internationale Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer. Mehr als 2000 Lehrkräfte und Wissenschaftler aus 99 Ländern nahmen an diesem Kongress teil und diskutierten grundsätzliche Fragen der Sprachenpolitik, neue Erkenntnisse der Sprachlehrforschung und Sprachdidaktik sowie die sich daraus ergebenden Konsequenzen für den Deutschunterricht weltweit.
Im Rahmen der Tagung wurden die folgenden Grundsätze und Empfehlungen
erarbeitet, die darauf zielen, die deutsche Sprache als Mittel der Verständigung
und Begegnung zu fördern und ihre Vermittlung zu unterstützen.
1.
Deutsch ist eine der wichtigen Sprachen, mit denen Menschen in aller Welt
Kontakt miteinander , mit Europa und mit den deutschsprachigen Ländern aufnehmen
- eine Begegnungssprache in Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft, eine
Begegnungssprache angesichts der vielfältigen Migrationsbewegungen und eine
Begegnungssprache im Tourismus.
Diese Rolle kann Deutsch nur erfüllen, wenn die Regierungen der deutschsprachigen Länder und die Institutionen in diesen Ländern zur eigenen Sprache und damit zur eigenen Kultur und Identität stehen und sie auf angemessene Weise sowohl national wie international zur Geltung bringen.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Tagung der
Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer erwarten von den deutschsprachigen Ländern
eine erhöhte Sprachloyalität.
2.
Eine nachhaltige und zugleich maßvolle Sprachenpolitik stärkt die Motivation für
das Sprachenlernen und festigt die Leistungsfähigkeit einer Sprache.
Programme für LektorInnen und SprachassistentInnen, Austauschprogramme und Stipendien für fremdsprachige Lernende, die Unterstützung der Mittlerorganisationen sind unverzichtbarer Bestandteil einer solchen Politik und wichtige Instrumente eines länderübergreifenden Austausches, der internationalen Verständigung sowie der Erweiterung und Festigung interkultureller Kontakte. Nur eine solche Sprachenpolitik entspricht dem Geist der Internationalität und Offenheit und trägt zur Entwicklung der menschlichen, politischen und ökonomischen Beziehungen bei.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Tagung der
Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer erwarten von den deutschsprachigen Ländern
eine Sprachenpolitik des Wohlwollens und der Unterstützung gegenüber bildungs-
und lernwilligen Menschen aus anderen Ländern.
3.
Sprachliche Monokultur ist auf die Dauer keine tragfähige Basis für die
Gestaltung einer Grenzen überschreitenden und überwindenden Kommunikation.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Deutschlehrertagung sind sich darin einig, dass Mehrsprachigkeit kein notwendiges Übel, sondern eine Chance ist und dass die Beherrschung mehrerer Sprachen ein wichtiges Ziel darstellt. In diesem Sinne sprechen sie sich für den Erhalt der Sprachenvielfalt aus: Jeder Einzelne wünscht sich Optionen und jede Gesellschaft braucht vielfältige sprachliche Ressourcen zur Erweiterung der Kontaktchancen mit Menschen unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Herkunft.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Tagung der
Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer erwarten auch von der Europäischen Union
und dem Europarat nicht nur eine Programmatik der Mehrsprachigkeit, sondern
deren konkrete Umsetzung in europäischen Projekten und Institutionen.
4.
Sprachliche Begegnung setzt die Fähigkeit voraus, andere in ihrer Eigenart
wahrzunehmen und zu verstehen. Sie ist nicht auf Informationsaustausch
reduzierbar. Sollen Sprachen Begegnungen mit und Erfahrungen in anderen Kulturen
ermöglichen, so muss dies auch einen leitenden Gesichtspunkt für die Entwicklung
von Lehrplänen und Lehrmaterialien darstellen - diese müssen die Lernenden schon
von Anfang an ermuntern, die kulturellen Kontexte zu erkennen und zu erkunden,
die mit der deutschen Sprache verbunden sind, und ihnen Mittel zur Verfügung
stellen, selbst in diesen Kontexten aktiv zu werden.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Tagung der Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer erwarten die Berücksichtigung interkultureller Lernziele in allen Lehrplänen und Lehrmaterialien.
5. Ein differenziertes Sprachangebot kann die Integration von Minderheiten und Zuwanderern fördern. Insofern ist es zu begrüßen, wenn in den deutschsprachigen Ländern Deutschkurse für Zuwanderer angeboten und gefördert werden. Das Prinzip der Begegnung gilt aber auch hier: Sprachunterricht leistet nur dann einen Beitrag zur Integration, wenn er nicht mit Strafen und aufenthaltsrechtlichen Sanktionen, sondern vielmehr mit positiven Anreizen verbunden und zugleich vom Respekt vor den mitgebrachten sprachlichen und kulturellen Erfahrungen der Zuwanderer getragen ist.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Tagung der
Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer erwarten, dass Sprachkurse für Zuwanderer
unter Nutzung der vorhandenen Erkenntnisse von Sprachdidaktik und
Sprachlehrforschung im Sinne einer Sprach- und Kulturbegegnung ausgestaltet
werden und auf aufenthaltsrechtliche Zwangsmaßnahmen verzichtet wird.
6.
Die Entwicklung von Bildungsstandards und die internationale Vergleichbarkeit
von Prüfungen tragen dazu bei, Sprachkenntnisse auch grenzüberschreitend
anzuerkennen und zu nutzen.
Bedacht werden muss, dass Sprachunterricht sich aber nicht ausschließlich auf standardisierbare und abprüfbare Aspekte beschränken darf. Wichtiger Bestandteil von Sprach- und Kulturbegegnung sind individuelle, kreative und ästhetische Formen der Sprachverwendung, ebenso direkte Erfahrungen, die sich einer übergreifenden Standardisierung entziehen. Es ist daher erforderlich, Sprachlernprozesse grundsätzlich offen für neue Erfahrungen und individuelle Lernwege zu gestalten.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen
Deutschlehrertagung fordern alle Expertinnen und Experten auf, neben der
notwendigen Orientierung an Bildungsstandards und Prüfungen den spezifischen
individuellen , kulturellen und kreativen Schwerpunktbildungen im
Deutschunterricht genügend Raum und Gewicht zu lassen.
7.
Die elektronischen Medien, insbesondere das Internet, bieten faszinierende
Möglichkeiten einer Sprach- und Kulturbegegnung auch über weite Distanzen hinweg.
Damit werden Unterricht und Lehrkräfte nicht überflüssig - im Gegenteil: Damit
der Prozess der Begegnung auch hier gelingt, bedarf es einer sorgfältigen
Planung und Begleitung von entsprechenden Projekten. Qualitätssicherung und
Lernberatung spielen gerade in Kontexten, in denen die Lernenden selbständig
arbeiten, eine besondere Rolle.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen
Deutschlehrertagung weisen auf die besonderen Anforderungen an
Qualitätssicherung und Lernberatung im Zusammenhang mit Projekten des E-Learning
und der Nutzung des Internet hin.
8.
Lehrkräfte, die den Anforderungen an einen modernen, auf Verständigung zielenden
Unterricht genügen, benötigen eine erstklassige Ausbildung: eine
Sprachbeherrschung auf hohem Niveau, die Fähigkeit, neue Erkenntnisse der
Forschung angemessen umzusetzen wie auch die Fähigkeit, im Praxisfeld autonom
weiterzulernen. Einen wichtigen Bestandteil der Aus- und Fortbildung von
Lehrkräften bilden ferner die Kenntnisse der deutschsprachigen Länder und
Kulturen und die Fähigkeit, Sprache als Medium der Begegnung und der lebendigen
Erfahrung einer anderen Kultur zu vermitteln. Eine hochwertige Erstausbildung
sowie eine berufsbegleitende Fortbildung sind die Grundlage für einen
erfolgreichen Sprachunterricht.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der XIII. Internationalen Deutschlehrertagung
erwarten eine Reform der Ausbildung von Fremdsprachenlehrkräften, die den
Anforderungen der Wissenschaftlichkeit, des Praxisbezuges und der
Interkulturalität gerecht wird. Sie setzen sich mit Nachdruck für einen Ausbau
der Angebote berufsbegleitenden Lernens für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer
ein.
Verantwortliche Kontaktpersonen:
Die Tagungspräsidenten der XIII. IDT
Prof. Dr. Paul R. Portmann-Tselikas, Graz (paul.portmann@uni-graz.at)
Prof. Dr. Hans-Jürgen Krumm, Wien (hans-juergen.krumm@univie.ac.at)